Datenbegeisterung ohne Grenzen: Was Sascha Lobo und Felix Hummel beim Wirtschaftsforum über Digitalisierung sagen

Südkurier vom 12.04.2019: Beide sind in der Welt des Internets zuhause. Sascha Lobo gilt als der Ur-Influencer, während der zehn Jahre jüngere Felix Hummel die modernen Influencer mit Werbepartnern zusammenbringt. Beide waren sich einig: Es führt kein Weg zurück. Auch wenn Deutschland sehr auf Bestehendes beharrt.

Jörg-Peter Rau, Felix Hummel, Sascha Lobo

Felix Hummel (Mitte) und Sascha Lobo
(rechts) im Gespräch mit Jörg-Peter Rau,
Mitglied der SÜDKURIER-Chefredaktion,
beim achten Wirtschaftsforum Singen.
Der junge und der erfahrene Akteur der
Digital-Szene sprechen über Chancen und
Risiken.
Bild: Tesche, Sabine

Wenn Felix Hummel fragt, ob seine Zuhörer für ihre Kinder schon einmal einen ganz speziellen Duschschaum mit Donut-Geruch kaufen mussten, lachen die rund 500 Besucher der Stadthalle Singen kurz auf. Viele nicken. Klar, an Bianca Claßen und ihrem Kanal "Bibis Beauty Palace" führt schließlich kein Weg vorbei, sie zählt mit 5,6 Millionen Abonnenten bei Youtube zu den erfolgreichsten Influencern Deutschlands.

Als der Digital-Experte Hummel wenig später eröffnet, dass das Drogeriegeschäft Rossmann zeitweise rund 39 Prozent seines Umsatzes im Duschbereich mit diesem Produkt macht, ist das laute Lachen einem stillen Staunen gewichen. So groß ist der Einfluss eines modernen Meinungsmachers, so groß ist die Macht der digitalen Welt. Über solche Chancen, aber auch Risiken sprachen Felix Hummel und Sascha Lobo beim Wirtschaftsforum.

Dabei trafen ein junger und ein erfahrener Akteur der Digital-Branche aufeinander. Beide wohnen und wirken in Berlin, kennengelernt haben sie sich aber erst in Singen. Dabei haben sie festgestellt: So weit auseinander liegen sie teils gar nicht, auch wenn zehn Jahre zwischen den Digital-Experten liegen und das im digitalen Zeitalter eine lange Zeit ist.

Einig waren sie sich überraschend, wo die Entwicklung hingeht: auf keinen Fall zurück. Während der Journalist, Autor und Blogger Sascha Lobo (43) auch politische Dimensionen des Datenwusts ansprach, erklärte Felix Hummel (33) erstmal die Welt der Influencer.

Heute entwickeln Influencer die Produkte mit

So werden Menschen bezeichnet, die mit ihren Videos oder Bildern ein großes, meist junges Publikum erreichen und Meinungen beeinflussen können. Und das sind längst nicht mehr die klassischen Prominenten aus Funk und Fernsehen – Hummel erinnerte sich an seine ersten Influencer Jürgen Klinsmann oder Batman.

Heute sind es Menschen vermeintlich von nebenan, die zuhause ihren Duschschaum in die Kamera halten. Nur dass sie zwischenzeitlich diesen Duschschaum selbst mitentwickeln, ihre Fans daran teilnehmen lassen und somit einen ganz neuen Zugang haben – einen persönlichen. Das Interesse der Firmen sei riesig: Das Volumen der von seiner Firma Buzzbird vermittelten Kooperationen habe sich in den vergangenen Jahren pro Auftrag von 5000 auf 60 000 Euro erhöht.

Hummel ist übrigens selbst einer dieser Influencer, wie er im lässigen Anzug mit wirrem Bart und ausgelatschten Sneakern auf der Bühne steht. Sein bekanntestes Video sahen 18 Millionen Menschen. Es zeigt, wie hart die deutsche Aussprache im Vergleich zu anderen Sprachen klingt. Wer es ansehen möchte, muss sich erst ein paar Sekunden Werbung ansehen.

Zwischen Schleichwerbung und Dauerwerbesendung

Ob Zuschauern unbewusst Produkte angedreht werden, damit Influencer Geld verdienen? "Die Leute nehmen durchaus wahr, dass das eine Dauerwerbesendung ist", war sich Hummel sicher. Sascha Lobo sah das ein wenig kritischer: Plattformen wie Youtube oder Facebook hätten alles getan, um eine perfekte Werbemaschine zu entwickeln. Plattformen müssten reguliert werden, doch man wisse nicht wie.

Deutschland ist auf dem gleichen Stand wie Angola

Deutschland wisse auch sonst nicht so richtig, wie es mit dem Thema Digitalisierung umgehen möchte. "Das größte deutsche Vermögen ist das Beharrungsvermögen", sagte Lobo und sein charakteristischer rotgefärbter Irokese wippt nach vorne. Schon 1983 hätten andere Länder laut eines Presseartikels nicht verstanden, warum Deutschland weiter auf Kupfer- statt Glasfaserkabel setzt.

Heute sei Deutschland auf dem gleichen Stand wie das südafrikanische Angola nach vielen Jahren Bürgerkrieg, wenn es um die Glasfaser-Anbindung bis ins Haus geht: 2,3 Prozent der Haushalte haben schnelles Internet.

Dabei sei die Welt inzwischen längst digital und die Datenbegeisterung habe keine natürliche Grenze. "Wir können diesen Fortschritt nicht aufhalten", sagte Lobo. Also solle man ihn mitdenken, leiten und prägen.

Generation Z kann es richten

Große Hoffnung setzten beide Digital-Experten in die sogenannte Generation Z, die zwischen 1997 und 2012 geboren wurde. Das sind zwar die jungen Menschen, die sich regelmäßig mit Youtube-Videos unterhalten lassen. Doch diese Generation sei auch ausreichend radikal, um entscheidende Schritte zu gehen. Und sie kenne die Möglichkeiten der Vernetzung und digitalen Kommunikation, ergänzte Felix Hummel.

Das sehe man aktuell an den Fridays for Future Protesten, wie sie gestern auch wieder in Singen stattfanden: Ähnlich wie sich ein Video rund um außergewöhnlich duftenden Duschschaum verbreite, werden auch relevante Inhalte wie der Aufruf zu einer Demonstration gegen den Klimawandel gesehen. Hummel: "Wenn nicht die junge, digitale Gesellschaft – wer dann?"

Das Wirtschaftsforum

Die Podiumsdiskussion war das Abendprogramm des achten Wirtschaftsforums mit dem Motto "Nicht reden, machen! Einfach digital!" in der Stadthalle Singen. Zuvor erfuhren die 90 Teilnehmer aus dem Landkreis Konstanz mit 20 Referenten verschiedenste Aspekte der Digitalisierung. Ralf Kluth, Geschäftsführer der auf digitale Transformation spezialisierten Unternehmensberatungs-Gesellschaft Avura, eröffnete mit einem Impulsvortrag über Ideen für die Welt von morgen. Anschließend gab es sieben Workshops.

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